Bio-Macht bezeichnet zwei Pole von Machtbeziehungen. In Überwachen und Strafen geht es um die Disziplinierung des Körpers als Maschine, um die politische Anatomie des menschlichen Körpers. Den zweiten Pol bilden die im 18. Jahrhundert entstandenen, auf die nationalgesellschaftliche Makroebene des Gattungskörpers gerichtete Bio-Politiken der Bevölkerung, die sich etwas auf Gesundheitszustände, demographische Entwicklungen usw. bezogen (vgl. Keller 117: (Keller, Reiner (2005): Michel Foucault (1926-1984). In: Kaesler, Dirk (Hrsg): Aktuelle Theorien der Soziologie. Von Shmuel N. Eisenstadt bis zur Postmoderne. München: C. H. Beck. S. 104-126.
In den auf diesen Band folgenden Arbeiten in dem auf mehrere Bände angelegten Werk „Sexualität und Wahrheit“ ändert Foucault sein Konzept, er nimmt eine theoretische Verschiebung in Hinblick auf das Subjekt vor. Es geht nicht mehr in erster Linie um die Funktionsweisen der Diskurse, die auf das Subjekt einwirken, vielmehr entwickelt er unter Rückgriff auf die griechisch-römische Antike den Begriff der Technologien des Selbst. „Darunter [unter Selbsttechnologien, d.V.] sind gewusste und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen die Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selber zu transformieren, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stilkriterien entspricht.“ (Foucault 1993, 18)
Es handelt sich also um konkrete Handlungsstrategien und Lebensgestaltungsmöglichkeiten, mit denen sich das Subjekt selbst konstituieren kann.
Das Individuum wendet auf sich selbst Praktiken an, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, was jeweils im Zusammenhang mit seiner historisch und gesellschaftlich spezifischen Verortung steht, also Konsequenz der Macht ist, die im alltäglichen Leben spürbar ist (indem sie z.B. wirkt durch Einteilung der Individuen in Kategorien und der Verknüpfung von bestimmten Wahrheiten mit diesen). Somit hat „[das] Wort Subjekt (...) einen zweifachen Sinn: vermittels Kontrolle und Abhängigkeit jemandem unterworfen sein und durch Bewusstsein und Selbsterkenntnis seiner eigenen Identität verhaftet sein.“ (Foucault 1994, 246f)
Das, was das Individuum als sein
„Selbst“ wahrnimmt, als seine Identität, ist immer schon entstanden
vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Verhältnisse:
„Identität ist (...) ein Vollzug – eine bewusste und unbewusste
Tätigkeit in Auseinandersetzung mit kulturellen Deutungsmustern und Artefakten,
die körperliche Erfahrung hervorrufen, die als Ausdruck des natürlichen Leibes
interpretiert werden.“ (Duttweiler 2003, 32)
Um das Verhältnis von Subjektivierungsprozessen (die mit dem theoretischen Konzept der Technologien des Selbst nun konkreter erfassbar sind) und Machtmechanismen klären zu können, führt Foucault außerdem den Begriff der „Regierung“ ein: „Jenseits einer exklusiven politischen Bedeutung verweist Regierung (...) auf zahlreiche und unterschiedliche Handlungsformen und Praxisfelder, die in vielfältiger Weise auf die Lenkung, Kontrolle, Leitung von Individuen und Kollektiven zielen und gleichermaßen Formen der Selbstführung wie Techniken der Fremdführung umfassen." (Lemke u.a. 2000, 10)
Siehe
auch [Bearbeiten]
1. Diskursanalyse, Empire - die neue Weltordnung, Biologismus
Literatur [Bearbeiten]
1. Giorgio Agamben: Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben, Frankfurt am Main 2002
2. Giorgio Agamben: Aussnahmezustand, Frankfurt am Main 2004
3. Michel Foucault: Leben machen und sterben lassen. Die Geburt des Rassismus. In: Bio-Macht, DISS-Texte 25, Duisburg 1992
4. Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1, Frankfurt am Main 1977
5. Michel Foucault: Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2, 3. Aufl. Frankfurt am Main 1993
6. Petra Gehring: Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens, Campus-Verlag,Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-593-38007-2
7. Margret Jäger / Siegfried Jäger / Ina Ruth / Ernst Schulte-Holtey / Frank Wichert (Hg.): Biomacht und Medien. Wege in die Bio-Gesellschaft. ISBN 3-927388-59-9
8. Magiros, Angelika: Kritik der Identität. "Bio-Macht" und "Dialektik der Aufklärung". Zur Analyse (post-)moderner Fremdenfeindlichkeit - Werkzeuge gegen Fremdenabwehr und (Neo-)Rassismus. 2004. ISBN 3-89771-734-4
9. Stefanie Duttweiler: Body-Consciousness – Fitness – Wellness – Körpertechnologien als Technologien des Selbst, In: Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich: Selbsttechnologien – Technologien des Selbst, Heft 87, Kleine Verlag März 2003
10. Thomas Lemke, Susanne Krasmann, Ulrich Bröckling: Gouvernementalität der Gegenwart, Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-518-29090-8
11. Gerburg Treusch-Dieter: "Ihr werdet sein wie Gott". Transpflanzungen im Menschenpark.- In: Theo Steiner(Hg.), genpool. biopolitik und körperutopien, Wien (Passagen Verlag) 2002, S. 107ff.
12. Macht, Leben, Widerstand. Zeitschrift Fantômas Nr. 2 (2002) [1]
13. Das regierte Leben - Die Bedeutung der Biopolitik nach Foucault. Zeitschrift Phase 2.17 (2005)
14. Röteln, Die (Hrg.), 'Das Leben lebt nicht'. Postmoderne Subjektivität und der Drang zur Biopolitik, ISBN 3-935843-52-6
15. Bakteriologie und Moderne. Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870 - 1920, hg. von Philipp Sarasin, Silvia Berger, Marianne Hänseler, Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, ISBN 3518294075
Von „http://de.wikipedia.org/wiki/Bio-Macht“